Nach Diggins: Der Gesamtweltcup der Frauen ist völlig offen

Der Langlauf-Weltcup der Frauen beginnt 2026/27 ohne seine Titelverteidigerin. Jessie Diggins (USA) hat nach der Saison 2025/26 ihre Karriere beendet, nachdem sie zum dritten Mal in Folge und zum vierten Mal in sechs Jahren die große Kristallkugel gewonnen hatte. Eine Nachfolgerin will nicht einmal sie benennen.

Wie Diggins abtrat

Diggins hatte ihren Rücktritt schon vor Beginn der Saison 2025/26 angekündigt. Laut FIS gewann sie danach den Gesamt- und den Distanzweltcup, zum dritten Mal die Tour de Ski und bei Milano Cortina 2026 Olympia-Bronze über 10 km Skating. Die große Kugel sicherte sie sich mit Platz fünf über 10 km klassisch in Lake Placid. Ihr letztes Rennen war dort am 22. März der 20-km-Massenstart im Skating. Mit vier olympischen Medaillen ist sie die erfolgreichste US-Langläuferin der Olympiageschichte.

Auf die Frage nach ihrer Nachfolge sagte sie der FIS: „If Moa Ilar has another season like this one, she can win it. A lot also depends on how much people choose to race, because winning the overall World Cup means being in a bib a lot, collecting points consistently." (Wenn Moa Ilar noch einmal so eine Saison hat, kann sie gewinnen. Viel hängt auch davon ab, wie viele Rennen man bestreitet, denn wer den Gesamtweltcup gewinnen will, muss oft am Start stehen und konstant punkten.)

Die Wertung 2025/26 ohne Diggins

Der Endstand im Gesamtweltcup der Frauen 2025/26 (FIS):

  1. Jessie Diggins (USA) – 2303 (zurückgetreten)
  2. Moa Ilar (SWE) – 1922
  3. Maja Dahlqvist (SWE) – 1623
  4. Jonna Sundling (SWE) – 1422
  5. Heidi Weng (NOR) – 1324
  6. Linn Svahn (SWE) – 1300
  7. Nadine Fähndrich (SUI) – 1135
  8. Jasmi Joensuu (FIN) – 1079
  9. Teresa Stadlober (AUT) – 1063
  10. Johanna Matintalo (FIN) – 1047

Aufschlussreicher sind die Disziplinenwertungen. Dahlqvist gewann die Sprintwertung mit 814 Punkten, von den Spitzenkandidatinnen folgten Fähndrich (793, Dritte) und Sundling (750, Vierte). In der Distanzwertung lag Diggins vorn, vor Ilar (1087) und Weng (1048). Laut FIS gewannen neben Diggins ein Dutzend weitere Frauen im Lauf der Saison Weltcuprennen.

Analyse: Wer kann die große Kugel gewinnen?

Dieser Abschnitt ist Analyse, keine Berichterstattung. Die Einordnung der Kandidatinnen ist unsere redaktionelle Einschätzung, keine modellgestützte Prognose.

Moa Ilar ist der naheliegende Ausgangspunkt. Sie wurde Zweite im Gesamtweltcup und in der Distanzwertung und belegte mit 628 Punkten Rang acht im Sprint. Genau so sieht das Profil einer Gesamtsiegerin aus: stark auf der Distanz und im Sprint solide genug, um regelmäßig zu punkten. Die 381 Punkte Rückstand auf Diggins spielen ohne Diggins keine Rolle mehr. Sie zeigen aber, wie viel Ilar noch zulegen müsste, um so zu dominieren wie Diggins.

Schweden hat die Masse, und das hat zwei Seiten. Vier der ersten sechs kamen aus Schweden. Das sind mehrere Anwärterinnen, aber sie nehmen sich den ganzen Winter gegenseitig Punkte ab. Dazu könnte die Heim-WM in Falun den Fokus auf den Februar lenken.

Für Sprinterinnen gibt es einen Weg, aber einen schmalen. Dahlqvist gewann die Sprintkugel, war in der Distanzwertung aber nur Zehnte (647). Für den Gesamtsieg müsste sie auf der Distanz viel aufholen. Weil an fast jeder Station ein Sprint ansteht, kann eine Topsprinterin, die auf der Distanz regelmäßig punktet, aber länger im Rennen bleiben, als man denkt.

Heidi Weng ist die Distanzspezialistin, die man im Blick haben muss. Sie wurde mit 1048 Punkten Dritte in der Distanzwertung, holte im Sprint aber kaum Punkte. Der 50er klassisch am Holmenkollen und der Final Climb der Tour de Ski liegen ihr, doch der Gesamtweltcup belohnt Allrounderinnen.

Konstanz könnte Glanz schlagen. Am hilfreichsten ist Diggins’ eigener Hinweis: Die große Kugel bekommt, wer oft startet und regelmäßig punktet. Mit Falun mitten in der Saison gewinnt am Ende vielleicht einfach die Kandidatin, die die wenigsten Weltcup-Wochenenden auslässt.

Die Alpenländer haben Podiumschancen. Die Schweizerin Nadine Fähndrich (7.), die Österreicherin Teresa Stadlober (9.) und die Schweizerin Anja Weber (12.) landeten alle in oder knapp hinter den Top Ten. Nach den Zahlen der Vorsaison ist keine von ihnen eine naheliegende Gesamtsiegerin. In einem offenen Jahr ist ein Podestplatz aber realistisch. Beste Deutsche im Endklassement war Helen Hoffmann auf Rang 19.

Die Tour de Ski als Wendepunkt

Die Tour de Ski 2026/27 (1.–10. Januar) führt über Les Rousses, Oberstdorf und Val di Fiemme. Ihre acht Etappen vergeben in zehn Tagen sehr viele Weltcuppunkte. In einer Saison ohne dominante Favoritin kann sich eine Gesamtführende am ehesten bei der Tour echt absetzen. Diggins gewann sie im Vorjahr, also gibt es auch bei der Tour der Frauen keine Titelverteidigerin.

Was Ruka verrät und was nicht

Ruka eröffnet die Saison mit 10 km klassisch, einem klassischen Sprint und einem 20-km-Massenstart im Skating. Ein gutes Wochenende dort bringt einer Anwärterin einen frühen Vorsprung, doch danach folgen rund 30 weitere Weltcuprennen. Unsere ausführliche Ruka-Vorschau erscheint in der Rennwoche.

Quellen